Geschichte

100. Kirmes
100. Kirmes

Es war das Jahr 1858. Es standen damals etwa über dreißig Wohnhäuser in Gethles, und in ihnen wohnten noch immer weniger als 200 Menschen. Zu dieser Zeit, im Jahre 1858, beschlossen die Gemeindeschöppen und der Schulze, das bisherige Maienfest abzuschaffen und im Herbst nach Abschluss der Erntearbeiten während zweier Tage ein Erntefest unter den Namen Kirmes zu feiern. Festgelegt war, dass die Kirmes am 16., später am 17. Sonntag nach Trinitatis, also im Oktober, zu feiern sei. Nach abgeschlossenen, mühevollen Erntearbeiten, putzte sich das Dorf heraus und auch die Einwohner holten die Fränkisch-Thüringer Trachten aus den Truhen. Zur Kirmes wurde der Maibaum weiterhin aufgestellt, der nun Kirmesbaum hieß. Der Kirmesgesellschaft durften nur Unverheiratete angehören und sie mussten mindestens 18 Jahre alt sein. Dem Fest voraus gingen Wochen der Vorbereitung, in denen der Kirmesschulze ( er trug als Amtszeichen den Kirmesbesen ) und der Löppeträger gewählt wurden. Die letzten Tage waren für alt und jung Tage der Unruhe und Erwartung. Das Leben und Treiben im Dorf glich dem in einem Bienenstock. Alles wurde auf Hochglanz gebracht, Unmengen Kuchen gebacken und so manches Schlachtschwein musste unter das Messer. Mit Beginn des Festes nimmt dann die 18 bis 22 jährige Jugend eine tonangebende Stellung ein.

 

Am Sonnabendabend wird im Gasthof die Kirmes angetrunken, wobei es für den Einzelnen auf beachtliche Trunk- und Standfestigkeit ankommt. Nun zieht auch jeder Kirmesbursche ein Los mit den Namen der Kirmesbraut. Es bleibt dem Zufall überlassen wer mit wem die Kirmes macht. Die Kirmes begann am Sonntag früh mit einer Teilnahme am Gottesdienst in Schleusingen und am Sonntag Mittag mit einem Umzug der Kirmesburschen durch das Dorf, bei dem die Mädchen mit Musik zu Hause abgeholt wurden und die jetzt erst erfuhren, wer ihr Kirmesbursche ist. Die Mädchen hefteten ihrem Burschen ein Sträußchen an den Rock und unter lauten Kirmesrufen formierte sich der Zug zum Einzug in die Schulstube der alten Schule. Diese war bald für den Kirmestanz zu klein - die Gendarmerie sah das auch nicht gerne - und so wurde später der Kirmestanz meist in beiden Gasthöfen abgehalten. Allgemein üblich war, dass die ersten drei Touren die Kirmespaare alleine tanzten. Damit war der Kirmestanz eröffnet, an dem sich nun alle Anwesenden beteiligen konnten. Den Kirmesbräuten stand das Recht zu von sich aus angesehene Herren zu einer Extratour aufzufordern. Dieser darf aus der Löbbe trinken und sie auf seine Kosten neu füllen lassen.

 

Montagvormittag bekam jede Familie im Ort von der Kapelle ein Ständchen aufgespielt, wofür die so geehrten einen Obolus entrichteten und dadurch der Kirmesgesellschaft die Kasse füllten. Der Nachmittag war den Dorfbewohnern vorbehalten. Erst am Abend kamen wieder Gäste von Außerhalb, wobei Geschäftsleute und Honoratioren besonders gerne gesehen wurden. Sie hatten die dickeren Geldbeutel und mit einer Extratour kam Geld in die Kasse. Die Kirmes fand ihren Abschluss mit dem Verlesen der Kirmespredigt, in der die Dorfbewohner, denen im Laufe des Jahres ein witziges Missgeschick widerfahren war, auf lustige Art und Weise verspottet wurden. Leider haben sich schon um die Jahrhundertwende Veränderungen vollzogen. Am Anfang des 20. Jh. trugen die Mädchen und Jungen keine bäuerliche Tracht mehr, sondern kleideten sich in leichteren und moderneren Kleidern. Die Hinwendung zu einer städtischen Kleidung auch an kirchlichen - und familiären Festtagen setzte sich in den Dörfern durch. Die alten Trachten blieben immer öfter in den Truhen. Das Landvolk wollte nicht mehr für etwas Geringeres gehalten und bevormundet werden.

 

Während dieser Jahre, 1914 - 18, hatte man natürlich wenig Anlass, die Kirmes zu feiern. Verze...fuffzee hatte bei den beteiligten Burschen wohl einen ganz anderen Beigeschmack und nur wenige überlebten und zählten bis 18 durch. Im sechzigsten Jahr der Kirmesgeschichte ist nun endlich dieser fürchterliche Krieg zu Ende und man beginnt nun wieder die Gethleser Tradition der Trachtenkirmes aufzunehmen. Wir schreiben das Jahr 1926, und seit drei Jahren ist die Inflation vorüber. Nun muss man nicht mehr ein Kirmesbier mit einer Billion Mark bezahlen. Man meint nur die Reichen, die ganz Reichen konnten damals Bier trinken in der Inflation, aber das war natürlich ganz anders, wie wir alle wissen. Selbst die Kirmesburschen in jener Zeit waren Billionäre. Zur Kirmes trägt man den guten Zwirn, keine Trachten und im Tanzsaal singt die ganze Gesellschaft die Modeschlager. 1928 umfasste die Kirmesgesellschaft mindestens 43 Personen. 1933 war die Kirmesgesellschaft dann fast nur noch halb so groß. War den anderen die Lust zum feiern vergangen? Nein, denn es passierte, der 2. Weltkrieg brach aus und die Kirmesjugend verschwand in den Schützengräben Europas. Es wurde wohl auch keine Kirmes gefeiert zu dieser Zeit. Aber man traf sich und begrüßte alte Freunde, wenn sie auf Heimaturlaub kamen und nicht gefallen sind. Selbst Bier gab es zu dieser Zeit selten. Die vierziger Jahre waren dann auf einmal vorbei und die Menschen begannen neu anzufangen. Neben dem großen Aufräumen blieb kaum Zeit um Feste zu feiern. Kaum einer machte Fotos in dieser Zeit. Wer hatte auch schon eine Kamera?

 

Es begannen die Fünfziger und im Dorf erinnerte man sich der Kirmes wieder. Die alten Trachten waren teils noch vorhanden, teils waren sie in Alltagskleidung umgenäht worden, aber was fehlte ließ sich ja ersetzen. 1951 war in Gethles die Seuchkirmes, denn auch hier in Gethles blieben die Leute nicht von Typhus verschont. 1958, was für ein Jahr 100 Jahre Kirmes in Gethles, das erste mal seit langen wieder Sprüche auf dem Dorfplatz und sogar ein Kirmesbaum ragt wieder hoch über die Dächer der Gethleser Häuser hinaus. Der Mechel hott´en Radau gemocht, ein Waldvogel wird mer nicht ins Haus gebrocht... . Dieser und ähnliche Sprüche unterhielten die Zuschauer bei der Kirmes 1958. Die Kirmesbeerdigung in den 50er und 60er Jahren war immer ein großes Ereignis. So wurde ein Kirmesbursche als ablebende Kirmes auf einer Bahre unter dem Geheul der Kirmesgesellschaft herein getragen. Dann wurde die Beerdigungsrede gesprochen, danach folgten Sprüche und zum Schluss legten alle Burschen ihre damals roten Schleifen auf die Bahre. Danach schließlich übernahmen die verheiraten Paare für zwei ganze Stunden die Kirmesgewalt.

 

Nun sind schon die sechziger angebrochen, die oft auch als die flotten Sechziger bezeichnet werden. Man feiert im Saal beim Franz, da ist es auf jeden Fall trocken und anfeuchten kann man sich ja schließlich auch von innen. Ja und 1960 war schon wieder ein Jubiläum, denn Gethles feierte 600 Jahre Gethles seit Ersterwähnung. Es war im Jahre 1360, als der Ort Gethles zum ersten mal schriftlich erwähnt wurde.1968 wird dann die 110 Kirmes in Gethles gefeiert. Wie man sieht, kommt man aus dem Feiern nicht raus, wenn man erstmal so richtig drin ist. Überall in der Welt ist der Jahrgang der 68er etwas missraten :-)).Von ( West- ) Berlin bis in die USA. Die Studenten proben den Aufruhr, die DDR gibt sich eine neue Verfassung, mit 94,5% Zustimmung. Sie war ja auch bis dahin in einer nicht so guten Verfassung. Aber hier in Gethles lässt man sich nicht beirren, man war schon immer in einer sehr guten Verfassung und feiert die Kirmes wie eh und je mit 100% Zustimmung und Beteiligung und das auch ganz freiwillig. Die Burschen trafen sich nun im Festsaal beim Franz und von dort aus ging der Umzug zu den Mädchen los und dann wieder zurück.

 

Die Siebziger sind nun angebrochen und in der Bundesrepublik erhält Willy Brand den Friedensnobelpreis und die DDR wird offiziell anerkannt. Dazu musste aber erst der Ulbricht gehen und Onkel Erich wurde hier Zugführer. So feiert man in Gethles wieder für ein Jahrzehnt ohne Besuch aus dem Ausland. Aus den 80er Jahren gab es nicht soviel zu berichten, so dass wir dann gleich zu den 90ern springen. Seit 1991 wird die Kirmes nun endlich wieder in Trachten gefeiert. 1996 wurde dann die Kirmes vom Saal ins Zelt gelegt, den die vielen Kirmespaare und Besucher passten einfach nicht mehr in den Saal. 1998 wurde dann wieder ein Jubiläum gefeiert, nämlich 140 Jahre Kirmes in Gethles, wobei die Kirmesgesellschaft von einem großen Festumzug begleitet wurde. Im August 2001 gründet die Kirmesgesellschaft einen Kirmesverein, der Zurzeit 43 Mitglieder umfasst. Ab dem 10.02.2003 ist der Kirmesverein auch Online vertreten und seit März 2005 sind wir auch im Ort mit einem eigenen Infokanal präsent.

 

Ein Kirmesspruch ist aus alten Tagen ( 19.Jh. ) im Dialekt erhalten geblieben:

 

Zur Kermes in Gathles gits a lustig Lawe,

mei Voter hoat mir dezu en Toler gawe,

mei Mutter noch zwee Grösche doazu,

necher ko mir die Kermes schoa gut getu.

Ich hoa der Welt noch niß genützt

on hoas a net en Sinn,

frecht bloß bei meiner Freunsdschoft noach,

wos ich für a Vogel bin

Dos ich a lustig Böschle bin,

dos sähtt ihr oa mein Haus,

die Vöderwaand, wockelt scho,

die Henner fällt gleich naus.

Off die Kermes hoat`s mir scho lang gegraut,

denn ich hoa gedocht ich krieg kä Braut,

nu hots sich ower so gefügt,

daß ich die schönste hoa gekriegt.

 

Text: G. Heß